
Ich bin nicht sie – Die Brücke auf der anderen Seite (28.)
Sie wusste zwar nicht, wo sie war und was vor sich ging, aber eines wusste sie ganz genau. Dieses kleine Mädchen durfte nicht leiden!
Sie holte erneut Luft, aber diesmal fiel es ihr etwas schwerer. Plötzlich hatte sie das Gefühl, als würde jemand ihr das Leben in großen Schlucken aus den Lungen saugen und an sich ziehen. Sie spürte, wie ihre Lebenskraft langsam von ihr wich.
Ihre Augenlider waren schwer und fielen zu. Die Geräusche im Raum, die wie Knacken und Piepen klangen, und sogar der widerliche Geruch begannen sich zu verflüchtigen, als ihr Geist schon am Rande dessen war, was man als Brücke zur anderen Seite bezeichnen könnte.
Da hörte sie wieder aus der Ferne eine Stimme.
„Papa, du hast mir gesagt, wenn ich esse und trinke, wird Mama bald aufwachen. War das eine Lüge?“ Wieder ertönte die Kinderstimme, die Anna auf keinen Fall einschlafen oder sterben ließ.
„Schatz, deine Mama muss erst wieder zu Kräften kommen, damit sie wieder mit dir spielen kann.“ Bald darauf waren leise Schritte zu hören.
„Komm zu mir, komm. Hopp!“ Im nächsten Moment knarrte etwas, wahrscheinlich ein Holzstuhl. Anna klammerte sich an dieses scharfe Geräusch und ließ sich zurück in die Teilbewusstsein ziehen.
„Papa, bitte, ich will, dass Mama aufwacht, ich bin nicht mehr ungezogen.“ Diesmal klang die Stimme weinerlich, sodass Anna fast den Atem stockte.
Alle Instinkte drängten sie in diesem Moment, etwas zu tun und ihnen zu signalisieren, dass sie noch da war! Aber wie? Verdammt! Während sie verzweifelt nachdachte, lauschte sie dem leisen Beruhigen.
„Prinzessin, schau mich an!“ Der leise Ton in Michaels Stimme löste in Anna plötzlich gemischte Gefühle der Sicherheit, Ruhe und etwas Drittes aus ...
„Du kennst doch das Märchen von Dornröschen, oder?“ Es entstand eine kurze Pause, die von einem Geräusch begleitet wurde, das Anna nicht ganz zuordnen konnte, und auch der bisherige Geruch wurde langsam stärker, aber die Frau schob all das beiseite und konzentrierte sich auf das Gespräch und vor allem auf die Berührung, die sie ganz klar auf ihrer Hand spürte.
Es war nämlich ein weiteres, diesmal jedoch stärkeres Seil, das Anna langsam aus der Dunkelheit herauszog.
„Siehst du, stell dir vor, unsere Mama ist auch so eine Dornröschenprinzessin, aber unsere wird nicht durch einen Kuss geweckt, sondern durch ...“
„Versuch es, Papa!“, rief Julie plötzlich eindringlich.

